Eine kleine Nachkritik eines Kunden

Von einem der Auszog, einen neuen Lautsprecher zu suchen – und in Berlin fündig wurde

Warum Nachkritik? Ja, warum eigentlich? Über die Lautsprecher von Heiner Martion sind schon so einige Lobhudeleien in HiFi Gazetten erschienen. Meist war der Entwickler, Manufacteur und Mastermind Heiner Basil Martion der Aufhänger zu solchen Stories über Exodus, Orgon und Bullfrog, wie die Modelle aus seiner Manufaktur heißen. Zu Recht: Heiner Basil ist nicht nur sehr netter Mensch, er ist einer, mit dem man nicht nur über HiFi reden kann – sehr selten in dieser Szene.

Also, warum eine Nachkritik? Weil, so meine ich, so oft über nach HiFi Kriterien geschriebenen Besprechungen nicht bis zum Kern des Ganzen vordringen. Nämlich der für meine Begriffe sehr speziellen und spezifischen Art der Musikreproduktion der Lautsprecher aus dem Hause Martion. Eigentlich sollen Lautsprecher ja gar nicht klingen. Sie sollen das reproduzieren, was reinkommt. Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen. Elektrische Spannung und Strom mit Musikinformationen getaktet in Luftmodulation umwandeln. Und das möglichst bei jeder Lautstärke und in jedem Umfeld. Funktioniert nur leider nicht. Nicht nur, dass der Mensch noch lange nicht über alle Messinstrumente und Messkriterien verfügt, um Klang im Raum genau zu beschreiben und valide zu bewerten. Deshalb bewertet der Mensch und somit schwingt ja auch immer eine sehr subjektive Sicht der Dinge in der Klangbeurteilung mit. Noch dazu ist auch weniger geübten Musikhörern klar zu vermitteln, dass unterschiedliche Lautsprecher sehr unterschiedlich klingen, auch wenn sich diese unterschiedlichen Lautsprecher sehr ähnlich messen. Welcher ist nun richtiger, besser und somit vorzuziehen? Ist wie mit Wein. Schmeckt gut ist noch lange kein Kriterium. Welcher Wein ist der beste? Welcher ist besser als der andere. Eben. Die HiFi Presse macht das Gleiche, wie die Publikationen, die sich mit Wein, Kaffee, Bier & Beef beschäftigen. Sie macht dann Rankings mit Punkten, Sternen etc. Meist sind die teuersten Produkte die mit den Meisten. Da werden Kriterien abgearbeitet und zum Schluss ein Fazit gezogen, möglichst so neutral, dass die Konkurrenz trotzdem weiter Anzeigen schaltet. Ist ja auch nicht Ehrenrührig sondern ist einfach so. Redakteure haben da&dort ein wenig Narrenfreiheit und reiten ihre Steckenpferde – ansonsten gilt die Redaktionslinie: nur niemand verärgern.

Also: eine Nachkritik, weil die derzeitige Inkarnation der Bullfrog von H.B. Martion bei mir einen besonderen Nerv getroffen hat, der viel mit Musikhören aber nichts mit HiFi zu tun hat.

Es ist etwa ein Jahr her ist es nun, da war ich zu Besuch bei Heiner Basil Martion. Den kenne ich aus meiner Zeit als jobbender Student in einem HiFi Laden in Mannheim seit etwa Mitte der 80er.

Martion brachte zu Beginn der 90er bei der Auslieferung einer Exodus an einen Kunden mal ein Paar Boxen vorbei, die er anders als die Exodus auch alleine tragen konnte: die Bullfrog. Damals noch mit einem 38 cm Breitbänder bestückt machte die Bullfrog vor allem eines: Lärm ohne Ende. Gleichzeitig gab sie die Musik dermaßen lebendig wieder, dass man sogar Extremlangweiler wie Barclay James Harvest mit Vergnügen hören konnte – oder Roxy Music oder auch Modern Talking (würg). Vor einem Jahr also zu Gast bei Martion hörte ich seine neuen Bullfrogs – die ohne das Gitter mit den beiden Konzentrischen Metallringen und der lustigen Nase. Martion hatte einige Zeit gebraucht, seine Bullis, wie er sie liebevoll nennt, auf ein anderes Chassis umzurüsten, weil die alten nicht mehr zu kriegen waren. Erstmal als rein aktive Lösung geplant – der Wirkungsgrad von Bass und Mittelhochton liegt sehr weit auseinander – hat Martion im letzten Herbst nun eine passive Weiche fertig gehabt und wir hörten ein Weilchen. Zu den Unterschieden schreibe ich später etwas. Der Stachel saß jedenfalls: beides tönte toll wenngeich auch mit unterschiedlichen Charaktern.

Das mit dem Stachel muss ich präzisieren, denn das ist es eigentlich, was mir an den Martion-Lautsprechern immer sehr gefallen hat: diese Live-Präsenz, die Fähigkeit zu suggerieren, dass das, was aus den Boxen kommt, gerade für dich produziert wurde – hier und jetzt, dass kaum ein anderer Lautsprecher, den ich kenne musikalische Strukturen so offen legt und das Zusammenspiel von Musikern so schlüssig übersetzt. Die die Grenzen zwischen Musik und Zuhörer einreißt, die ja durch die Konserve (Platte, CD, Stream), dem Abspielprozess, den Verstärkern bis hin zu den Schwingungen der Luftmoleküle im Wohnzimmer vorgegeben sind. Es ist ein sehr direkter Zugang zur Musik. Ungeschminkt, manchmal sehr anstrengend, wenn die Musik die Anstrengung verlangt. Die Lautsprecher malen gleichsam perfekte musikalische Gemälde ins Zimmer und treffen genau und exakt den Nervus Musikalis – wenn es ihn denn gibt. Es ist wie einen Planeten direkt zu sehen: durch das Okular eines Fernrohrs den Saturn zu betrachten ist mit nichts zu vergleichen. Da kommt kein noch so scharfes Foto ran und erst recht kein noch so tolles 4k Fernsehen. Den Kontakt zur Musik auf diese Weise herzustellen, schafft mbMn kein anderes Lautsprecherfabrikat – und sei es noch so teuer, groß und aufwändig. Das hat nichts mit Technik, know how oder Materialeinsatz zu tun. Einzig der klare Blick auf das Ziel – was soll am Ende herauskommen, wie will ich, dass die Musik im Raum erklingt, wie helfe ich durch das Material zur Kunst?? Zu wolkig? Ich glaube, dass das Verständnis, was Musik mit uns anrichtet bzw. anrichten soll, der Schlüssel zu einer genussorientierten Musikwidergabe zu Hause ist, Habe ich ein Ziel vor Augen, wie es klingen soll? Das von Heiner Basil Martion und mir scheint ziemlich ähnlich zu sein. Und beobachtet man die Vorführungen seiner Produkte auf Messen, so scheint seine Art Musik hören zu wollen vielleicht nicht allgemeingültig zu sein, so aber doch ziemlich vielen Menschen zu gefallen.

Nun gibt es also mit der Bullfrog neben den wirklich nicht wirklich billigen Modellen Einhorn und Orgon eine Volksvariante seiner Lautsprecher, die nicht weniger authentisch klingen aber auch in kleinen Räumen funktionieren und auch für kleine Leute bezahlbar sind. Das ist schön.

A‘ propos bezahlbar: die aktive Variante der Bullfrog, die man allerdings nur vom Computer oder von Geräten mit digitalen regelbaren AES/EBU-Ausgängen vernünftig betreiben kann, ist letztlich konkurrenzlos günstig. Um die Variante mit passiver Weiche so weit zu kriegen, wie die aktive, muss man deutlich 5-Stellig für AD-Wandler und Verstärker ausgeben. Tipps zum Betrieb einer aktiven Bullfrog gibt es bei Martion. Von mir ein kleiner Hinweis: ein Mac Mini mit einem guten Audioplayer inklusive einer 64 Bit Lautstärkeregelung, eine Mutec-USB-Soundcard und Griffin USb-Mate zur Lautstärkeregelung kosten zusammen keine 1700€ und das klingt schon fulminant. Und der Hersteller kann diese Version noch auf den Stellplatz hin einmessen.

Meine Horch-Elektronik klingt an der passiven Variante noch ein wenig besser. Aber da kostet der D/A-Wandler schon mehr als die Box. Ob und wie man zum Beispiel eine aktive Bullfrog in eine SONOS- oder Meridian-Umgebung einbinden könnte weiß ich nicht – aber vorstellbar ist das auf jeden Fall. Der Grund, warum ich erstmal weiter mit der passiven Weiche Musik höre ist mein Plattenspieler. Den an ein digitales Set-Up anzuschließen und ohne Qualitätseinbußen zu betreiben ist nicht trivial und schon gar nicht billig. Ich bin in Berlin in Sachen Lautsprecher fündig geworden und wie heißt es so schön im Märchen: Und sie lebten glücklich bis ans Ende…..

Martion Bullfrog gehört mit Horch Stream, Balance und 3.0s; Plattenspieler von Frank Schröder und Phonostufe Horch Sigma Mac Mini, RME Fireface 400; Mutec ;
Audoplayer. Pure Music, Mediacenter 22 für Mac

Presse

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